Wasserraub? Die mögliche Privatisierung des Guarani-Aquifers

“Coca-Cola und Nestlé privatisieren das größte Wasser-Reservoir Südamerikas” – diese Nachricht in meiner Twitter-Timeline lässt mich aufhorchen.  Gemeint ist das Guarani-Aquifer, das Grundwassserreservoir, das unterhalb der Länder Brasilien, Argentinien, Paraguay und Urugay liegt. Wasserraub im allergrößten Stil? Worum geht es überhaupt?

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Guarani-Aquifer. Quelle: Argonne National Library auf flickr (creative commons)

Wasserraub (watergrabbing) ist eine Analogbildung zu Landraub, der deutschen Übersetzung von landgrabbing. Gemeint ist die Aneignung von Wasserressourcen durch private Unternehmen und mit kommerziellen Interesse. Diese Praxis stößt vielerortens auf Widerstand der Bevölkerung.

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Indonesien: Gold und Antikommunismus

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Kein Problem in Kathmandu, Nepal, aber in Indonesien justiziabel: Hammer und Sichel. Foto: Adam Jones (Creative Commons) auf flickr.

Indonesien, eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde (Weltrang 4), exportiert im großen Stil Güter, die als natürliche Ressourcen bezeichnet werden können: Kohle und Öl, Palmöl und Kokosöl, Kautschuk und Kaffee; schließlich Juwelen und Gold. Die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen führt an vielen Orten zu Konflikten mit Indigenen, Kleinbauern und Umweltschützern. Viele dieser teils gut erforschten Dispute stehen im Zusammenhang mit Wald, Land und Biomasse-Extraktion: Palmölplantagen, tropische Hölzer etc. sind Gegenstand von Auseinandersetzungen. Aber auch Gold spielt eine Rolle, wie heute die taz (Papierausgabe) berichtet. Einem Umweltaktivisten drohen zehn Jahre Haft. Bei Protesten gegen eine Goldmine bei  Tumpang Pitu in Ostjava im April vergangenen Jahres soll er Symbole der verbotenen kommunistischen Partei gezeigt haben.

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Ökosystem-Transformation und Arbeitsmigration: Das Hochland Sri Lankas

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Teeplantage in Ceylon, c. 1880. Quelle: Wikimedia Commons (Public Domain)

Das lange 19. Jahrhundert, Höhepunkt des westlichen Imperialismus, hatte weitgreifende Folgen, die bis heute nachwirken. Dabei gilt: Das Projekt der Verwandlung der Welt nach europäischen Maßstäben operierte stets nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Die Konsolidierung von Herrschaft und die Inwertsetzung der kolonialisierten Länder und Menschen gingen Hand in Hand, und oft war beides von Boomzeiten und Abschwüngen, von Experimenten und Fehlschlägen, von großen Plänen und großen Verunsicherungen begleitet.

Die Geschichte von Ceylon/Sri Lanka unter britischer Herrschaft stellt ein gutes Beispiel für das Ineinandergreifen von Plantagenwirtschaft, ökologischer Transformation und Bevölkerungspolitik dar. James L.A. Webb Jr. hat die Umweltgeschichte des Hochlands von Sri Lanka in seinem Tropical Pioneers (2002) anschaulich beschrieben. Continue reading

Indiens Wasserkrise schafft Konflikte

Wasser wird in weiten Teilen Indiens immer knapper. In den Jahren 2014-16 erlebte das Land eine extreme Dürre, vielleicht die schlimmste seit der Unabhängigkeit. Die Wasserknappheit führt lokal immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen um die Nutzung von Wasser. Ursache der Wasserkrise ist weniger der Klimawandel als fehlgeleitete wirtschaftliche Entwicklung.

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Wasserverkäufer in Jaipur. Foto: Neil Moralee auf flickr (Creative Commons)

Im Februar 2016 sieht sich die indische Hauptstadt Delhi in akuter Gefahr: Unruhen im Nachbarstaat Haryana drohen die Wasserzufuhr für die 11-Millionen-Stadt lahmzulegen. Die ländliche Kaste der Jat kämpft dort für eine Verbesserung ihrer Situation und verlangt Vorzüge bei der Zuteilung von quotierten staatlichen Arbeitsplätzen. Zu den militanten Protestformen gehört die Sabotage des Munak-Kanals, der die Metropole mit Wasser versorgt. Die Regierung rationiert daraufhin den Wasserverbrauch in Delhi, schließt Schulen und lässt sogar Wasser mit Trucks in die Stadt bringen. Erst als eine Einigung gefunden ist, normalisiert sich die Lage.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie Wasser und soziale Konflikte in Indien zusammenwirken. Seltener wird, wie hier, Wasser als Druckmittel verwendet, sondern durch tatsächlichen Wassermangel entstehen Spannungen bis hin zu Gewaltausbrüchen. Der Environmental Justice Atlas, der Umweltkonflikte weltweit darstellt, zählt nicht weniger als 66 Fälle solcher Wasserkonflikte in Indien.

Diese Konflikte haben einen realen Hintergrund: Wasser wird tatsächlich rar. Mehr als die Hälfte der indischen Regionen leiden unter Wasserstress, so das World Resource Institute. Eine Ursache dafür ist die exzessive Nutzung von Wasser in der Landwirtschaft – und zunehmend auch in der Industrie. Zum Beispiel werden Zuckerrohr und Baumwolle im großen Stil angebaut – besonders „durstige“ Nutzpflanzen. Ein Problem dabei ist die übermäßige Entnahme von Wasser aus Grundwasserreservoirs (Aquiferen), die sich dann durch den natürlichen Wasserzyklus nicht mehr genügend auffüllen können. Das Bohren von Quellen und Brunnen ist kaum gesetzlich geregelt. Die Folge sind sinkende Grundwasserspiegel und die Versalzung von Grundwasserquellen.

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Piraterie vor Somalia: Erster Fall seit 2012

Gestern wurde gemeldet, dass im Golf von Aden vor der Küste Somalias – zum ersten Mal seit 2012 – ein Frachter durch Piraten aufgebracht wurde. Das Schiff, die Adis 13, ist unter der Flagge der Komoren unterwegs, die Crew stammt aus Sri Lanka. Die Piraten fordern nun Lösegeld.

Somalia ist eines der ärmsten Länder der Welt, akut von Staatszerfall betroffen, und aktuell von einer Hungersnot bedroht. In den Jahren von 2008 bis etwa 2011 war die Piraterie vor der Küste des Landes am Horn von Afrika ein immenser Faktor. Hier liegt eine vielfrequentierte Seeverbindung. Der Ablauf der Piratenüberfälle glich dem, der auch gestern zu beobachten war: Die Piraten kamen auf Schnellbooten, enterten Frachtschiffe verschiedener Nationalitäten, brachten diese mit Hilfe von leichten Waffen unter Kontrolle und verlangten Lösegelder von den Reedereien. Eine relativ gelungene, wenn auch zermürbende Fiktionalisierung des Stoffes brachte das dänische Fernsehen mit Kapringen (“Hijacking”) im Jahre 2012.

Seit 2010 gibt es eine Mission der EU zur Abwehr von Piraterie, Operation Atalanta oder EU NAVFOR, an der sich auch die deutsche Bundeswehr beteiligt. Diese hat offensichtlich Erfolg darin gehabt, die Piraterie komplett einzudämmen. Bis gestern.

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Karten für Klimaaktivisten

Das Climate Alliance Mapping Project ist eine neue Initiative und Website. Sie wurde vom Public Political Ecology Lab an der University of Arizona  erstellt, kooperiert haben u.a. Amazon Watch und The Sierra Club.

The Climate Alliance Mapping Project (CAMP) is a collaborative effort between academics, environmental NGOs, and indigenous organizations working for a socially just response to climate change. CAMP responds to climate change with research, resources and interactive story maps that support organizations working to keep fossil fuels in the ground.

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Die erste Karte des Projekts. Quelle: CAMP website

Die erste Karte, die aus dem Projekt entstanden ist, zeigt das Amazonasbecken und zwar in drei Ebenen (layers): Existierende und geplante Flächen, an denen fossile Energieträger aus der Erde geholt werden sollen; Regionen, in denen indigene Bevölkerungsteile leben; und Umweltschutzgebiete. Eine vierte Ebene soll ortsbasierte digitale Stories repräsentieren, die von NutzerInnen hochgeladen werden, und zwar aus betroffenen Gemeinschaften vor Ort.

Das scheint mir ein gutes Projekt zu sein, und ein weiteres Beispiel, wie sich partizipative Kartografie sinnvoll in praktisch angewandte Ausdrucksformen von politischer Ökologie einbringen lässt. Es wird sich lohnen, das im Auge zu behalten.

Politische Ökologie für die Zivilgesellschaft

Das ENTITLE-Netzwerk (Europäisches Netzwerk für politische Ökologie) hat eine neue Publikation herausgebracht, welches sich an Nicht-Regierungs-Organisationen richtet und eine Art Handbuch darstellt: “Political Ecology for Civil Society” (Freier Download direkt hier). Damit ist es ein Versuch, explizit politische Ökologie aus den Hörsälen und Seminaren in die Welt des politischen Aktivismus zu tragen. Denn: Politische Ökologie (political ecology) ist eben nicht nur ein interdisziplinärer Ansatz in den Wissenschaften, sondern auch eine grundsätzliche Haltung zu Mensch-Natur-Verhältnissen, die Machtmechanismen kritisch hinterfragen und Veränderungen herbeiführen möchte.

This manual is the first to explicitly introduce political ecology to a broader non-academic audience. In designing the manual, we were inspired by the work of others who have approached the issue of activism from a practical, educational and theoretical point of view to do similar work for related topics, including bottom-up research projects and postnormal science.

Zunächst einmal behandelt das Werk etliche Fallstudien und grundsätzliche Fragen in fünf Komplexen: Es geht um Umweltkonflikte, um die katastrophischen ökologischen Folgen eines ungebremsten kapitalistischen Wachstums (disaster capitalism), um die Frage der Gemeingüter (commons), um soziale Bewegungen und um Demokratie. Die Fallbetrachtungen sind weit gestreut: Brasilien, Griechenland, Italien, Rumänien, Bolivien, Äthiopien und Mexiko, um nur einige zu nennen. Etwas typisch für ENTITLE ist dieser Fokus auf Süd(ost)europa und Lateinamerika, das geht aber prinzipiell in Ordnung.

Unterm Strich wird der lesenswerte Sammelband aber seinem hohen Anspruch leider nicht gerecht. Das fängt an beim Layout, das typographisch nicht gerade großzügig oder grazil daherkommt. Zwar gibt es jede Menge Fotos, Karikaturen und Karten, aber es entsteht der Eindruck, als ob das alles recht schnell zusammengestellt sei. Vor allem aber verbleiben die Artikel im akademischen Duktus. Es fällt keiner und keinem der AutorInnen ein, mal die Erzählweise, den Stil zu ändern. Die Übertragung  akademischer Forschungsgegenstände auf den Aktivismus ist eher nicht gewährleistet. Es fehlt eine pragmatische Darstellung von Formen des Widerstands wie etwa Aktionskunst, Medienaktivismus, Strategien der Mobilisierung. Das leisten eher aktionismusorientierte Werke wie etwa Beautiful Trouble (A Handbook for the Revolution) oder Crimethincs “Recipes for Disaster”. Insbesondere vermisse ich Hinweise auf gute Projekte wie den Environmental Justice Atlas, der sich von UmweltaktivistInnen sicher gut nutzen lässt. Damit wird das Projekt als Handbuch für NROs in der Tendenz unbrauchbar. Was es leistet, ist die systematische Zusammenstellung von einzelnden Fällen, die der Erläuterung von Schlüsselkonzepten dienen.

Die Tragödie des Tschadsees

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Der Tschadsee, fotografiert von der ISS. Foto: NASA auf flickr.com (Creative Commons)

Die taz am Wochendende (21./22.5.2016) brachte einen langen und gut recherchierten Artikel über den Tschadsee und den (angenommenen) Zusammenhang zwischen der ökologischen Katastrophe, der der Tschadsee anheimgefallen ist, und den Aktivitäten der Dschihadisten von Boko Haram in der Region.

Der Tschadsee leidet seit Jahrzehnten unter einer ökologische Katastrophe. Noch in den 1960er Jahren war das Gewässer der sechstgrößte See der Erde, inzwischen ist seine Fläche wegen falscher Nutzung und dem Klimawandel von 25.000 auf gut 1.300 Quadratkilometer geschrumpft. Aber gekippt ist nicht nur das ökologische Gleichgewicht der Region. Zehntausende Menschen dürften ihre Arbeit verloren haben, da sie ohne Wasser heute weder als Fischer noch als Landwirte arbeiten können. Gesicherte Daten findet man allerdings kaum.

Auch über den Zusammenhang zwischen dem Niedergang der Region und der Stärke der Terrormiliz Boko Haram „gibt es keine wissenschaftlichen Studien“, bedauert Mariam Traore Chazanoel von der zwischenstaatlichen „International Organization for Migration“ (IOM). „Aber es gibt viele einzelne Berichte“: Die Region verliere Menschen und staatliche Strukturen. Und überall ist Boko Haram präsent, im vergangenen Jahr Platz eins auf dem Weltweiten Terrorismus Index (GTI). Auch wenn Nigerias Präsident Muhammadu Buhari betont, die Gruppe kontrolliere heute keine einzige Großgemeinde mehr, gilt diese Rückzugsregion der Islamisten als extrem unsicher. Im Februar erst starben mindestens 60 Menschen bei einem Anschlag in Dikwa (…)

Das klingt plausibel – aber das heißt noch lange nicht, dass die Verbindung auch wirklich klar zu ziehen ist. Zum einen ist nämlich die These von Klimakriegen in der Öffentlichkeit und in den Medien stark verbreitet – aber in der Fachwelt heftig debattiert. 
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