Ökosystem-Transformation und Arbeitsmigration: Das Hochland Sri Lankas

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Teeplantage in Ceylon, c. 1880. Quelle: Wikimedia Commons (Public Domain)

Das lange 19. Jahrhundert, Höhepunkt des westlichen Imperialismus, hatte weitgreifende Folgen, die bis heute nachwirken. Dabei gilt: Das Projekt der Verwandlung der Welt nach europäischen Maßstäben operierte stets nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Die Konsolidierung von Herrschaft und die Inwertsetzung der kolonialisierten Länder und Menschen gingen Hand in Hand, und oft war beides von Boomzeiten und Abschwüngen, von Experimenten und Fehlschlägen, von großen Plänen und großen Verunsicherungen begleitet.

Die Geschichte von Ceylon/Sri Lanka unter britischer Herrschaft stellt ein gutes Beispiel für das Ineinandergreifen von Plantagenwirtschaft, ökologischer Transformation und Bevölkerungspolitik dar. James L.A. Webb Jr. hat die Umweltgeschichte des Hochlands von Sri Lanka in seinem Tropical Pioneers (2002) anschaulich beschrieben.Nachdem die Briten 1817 das Königreich Kandy im Hochland unterworfen und damit nicht nur formal, sondern auch tatsächlich die ganze Insel in ihr Empire eingegliedert hatten, begannen sie, sich die tropischen Reichtümer zu nutze zu machen. Zu den ersten Exportgütern, die im großen Stil angebaut wurden, gehörte Kaffee. Das bewaldete Hochland wurde im großen Stil gerodet, um dort Kaffeeplantagen zu errichten. Der Anbau des Exportgu und Schädlinge. Am Ende waren es eine Pflanzenkrankheit, der Kaffeerost (Hemileia vastatrix), welche in den 1870ern zum Niedergang der Kaffeewirtschaft in Sri Lanka führten. Zu diesem Zeitpunkt aber begann bereits die systematische Kultivierung von Tee. “Ceylon-Tee” wurde eine Erfolgsgeschichte und ist wohl bis heute berühmt. Begonnen mit den Kaffeeplantagen, wurde das Hochland von Sri Lanka im großen Stile umgewandelt. Die Plantagenwirtschaft dominiert bis heute das “hill country”.

Schon das Pflücken der Kaffeebeeren war eine so mühsame Arbeit, dass nur wenige der singhalesischen Einwohner des Hochlands bereit waren, ihr nachzugehen. Die Plantagenmanager griffen auf Saisonarbeiter aus Südindien (dem heutigen Tamil Nadu) zurück, die auf beschwerlichen Wegen auf wackeligen Booten und zu Fuß zur Ernte kamen. Während diese Arbeiter aber größtenteils im Jahresrythmus wieder nach Südindien zurückkehrten, änderten sich die Muster der Arbeitsmigration komplett mit der aufkommenden Dominanz des Tees. Tee ist eine ganzjährige Pflanze, es gibt keine klaren Ernteperioden. Darum blieben die Arbeiter nun das ganze Jahr und gründeten Familien; mit den Plantation Tamils entstand im Hochland eine neue Bevölkerungsgruppe. Diese Upland-Tamilen sind nicht zu verwechseln mit den seit Jahrtausenden in Sri Lanka, vor allem im Norden und Osten ansässigen Tamilen; sie haben unterschiedliche politische Vertretungen und soziale Identitäten. Die Hochland-Tamilen waren auch nicht wesentlich am blutigen Bürgerkrieg in Sri Lanka (1983-2009) beteiligt. Allerdings waren die Hochland-Tamilen immer wieder sozialer, politischer und ethnischer Ausgrenzung ausgesetzt. Nach der Unabhängigkeit Ceylons (1947) erhielten sie keine Bürgerrechte. Noch 1964 wurde ein nicht unbeträchtlicher Teil der Hochland-Tamilen nach Südindien ausgewiesen, während verbleibende die Staatsbürgerschaft Sri Lankas bekamen. Bis heute gehören die Tamilen im Hochland zu den sozial am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen Sri Lankas.

Die Kaffee- und später die Teeplantagenwirtschaft unter dem britischen Kolonialsystem haben nicht nur das Ökosystem des Hochlands von Sri Lanka großflächig verändert, sondern auch die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Man kann hier von einer Tiefenwirkung der Kolonialpolitik sprechen, die bis heute sozial-ökologisch nachwirkt. Dies war nur möglich, weil der Genuss von Tee (vgl. Melillo 2016) für britische Bürgerinnen und Bürger aller Schichten zur Selbstverständlichkeit geworden war und damit eine starke Nachfrage erzeugte. Die imperiale Lebensweise (Brand/Wissen 2017) war Antrieb für die komplette ökologische Transformation der Landschaft, die nicht nur mit dem Verlust von Artenvielfalt zu Gunsten der Monokultur einherging, sondern auch mit der permanenten Migration von zehntausender Arbeiter für die Plantagenwirtschaft.

 

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