Piraterie vor Somalia: Erster Fall seit 2012

Gestern wurde gemeldet, dass im Golf von Aden vor der Küste Somalias – zum ersten Mal seit 2012 – ein Frachter durch Piraten aufgebracht wurde. Das Schiff, die Adis 13, ist unter der Flagge der Komoren unterwegs, die Crew stammt aus Sri Lanka. Die Piraten fordern nun Lösegeld.

Somalia ist eines der ärmsten Länder der Welt, akut von Staatszerfall betroffen, und aktuell von einer Hungersnot bedroht. In den Jahren von 2008 bis etwa 2011 war die Piraterie vor der Küste des Landes am Horn von Afrika ein immenser Faktor. Hier liegt eine vielfrequentierte Seeverbindung. Der Ablauf der Piratenüberfälle glich dem, der auch gestern zu beobachten war: Die Piraten kamen auf Schnellbooten, enterten Frachtschiffe verschiedener Nationalitäten, brachten diese mit Hilfe von leichten Waffen unter Kontrolle und verlangten Lösegelder von den Reedereien. Eine relativ gelungene, wenn auch zermürbende Fiktionalisierung des Stoffes brachte das dänische Fernsehen mit Kapringen (“Hijacking”) im Jahre 2012.

Seit 2010 gibt es eine Mission der EU zur Abwehr von Piraterie, Operation Atalanta oder EU NAVFOR, an der sich auch die deutsche Bundeswehr beteiligt. Diese hat offensichtlich Erfolg darin gehabt, die Piraterie komplett einzudämmen. Bis gestern.

Wie Edward A. Ceska und Michael Ashkenazi nicht ganz zu unrecht bemerken, und wie ja nun auch wieder deutlich geworden ist, hat die “Versicherheitlichung” der Pirateriebekämpfung keineswegs die Ursachen bekämpft. Und Ursachen kann man viele finden. Da wäre der bereits erwähnten Staatszerfall, eine Folge des seit 1991 in Phasen fortgesetzten permanenten Bürgerkriegs. Die Geschichte dieses Bürgerkriegs nachzuerzählen, würde das Ausmaß dieses Artikels bei weitem sprengen. Nur so weit sei gesagt, dass dies auch eine Geschichte von mißlungenen und fehlgeleiteten Interventionen größerer Mächte ist, denen es nie gelungen ist, das Land effektiv zu stabilisieren. Und dass die Vorgeschichte des Bürgerkriegs eng mit den Auswirkungen des Kalten Krieges in der Region verknüpft ist.

Ein zweiter Faktor: Die momentane Dürrewelle, eine Folge des globalen El-Niña-Phänomens, hat zu großen Ernteverlusten geführt und die Erholung von Weidegründen erschwert – Viehhaltung ist die vielleicht wichtigste Überlebensstrategie der Somalis. Die klimatische Katastrophe lässt – zum zweiten Mal seit 2011 – eine Hungersnot in wahrscheinliche Nähe rücken. Wenn sie nicht bereits ausgebrochen ist. Über 6 Millionen Menschen sind dadurch von Hunger bedroht, etwa die Hälfte von ihnen bereits von Notfallversorgung abhängig.

Allerdings ist es weniger der Hunger selber als die Armut, die den Piraten eine effektive Rekrutierung erlaubt. Denn: Verhungernde Menschen kapern keine Schiffe. Piraterie ist eine Gelegenheit, sich mit hohem Risiko zu bereichern, in einer Situation, in der es zunehmend weniger Alternativen gibt, ein bescheidenes Auskommen zu haben. Die Erträge, die durch die Lösegeldzahlungen anfallen können, sollten angesichts der extremen Armut sehr verlockend sein. So ist die Piraterie sicherlich stärker eine Folge des anhaltenden bewaffneten Konflikts an Land und der damit einhergehenden Unsicherheit und wirtschaftlichen Not, als der akuten Hungernot alleine.

Johann Hari betont, dass ein moralisches Urteil über die Piraten vor Somaloa nicht immer einfach fiele. Er stellt sie sogar als “freiwillige Küstenwache” dar, die verhindert, dass mafiöse Unternehmer nukleare Abfälle vor der Küste Somalias entsorgen. Tatsächlich scheint die illegale Entsorgung toxischer Stoffe vor Somalia mehr als nur eine Anekdote zu sein. Ob der Widerstand gegen Giftmüllverklappung wirklich eine Hauptmotivation von somalischen Piraten ist, sei dahingestellt.

Wesentlich besser belegt noch ist die aggressive Fischerei eruopäischer Großfangschiffe vor der Küste Somalias, die die Lebensgrundlage somalischer Fischer stark beeinträchtigt habe.

All diese Faktoren lassen die somalische Piraterie zumindest als Teil eines komplexen Umweltkonfliktes erscheinen, so argumentiert auch das “Factbook”, ein Projekt von adelphi.

Wenn wir über Somalia und seine Probleme reden, laufen wir Gefahr, das Land als eine Blackbox zu nutzen. Die inneren Abläufe der somalischen Gesellschaft bleiben im Verborgenen, wir sehen nur die äußeren Einflüsse – Dürre, Überfischung, illegale Müllentsorgung – und das, was als Output dabei heraus kommt: Piraterie, Bürgerkrieg, terroristische Anschläge der dschihadistischen Miliz Al-Shabaab im Nachbarland Kenja. Eine solche Haltung, die das Innere der somalischen Gesellschaft ausblendet oder höchstens schemenhaft als “Stammeskrieg” wahrnimmt, befeuert eine afropessimistische Perspektive. Ein schönes Beispiel bietet  dieser Artikel aus der Neuen Zürcher Zeitung aus dem Jahr 2013, Zitat:

Die ehemalige italienische Kolonie ist ein anhaltendes Chaos aus Stammeskriegen, islamistischem Terror, alttestamentarischen Hungersnöten und Piratentum. Neben halbwegs anerkannten Staaten wie Somaliland und Puntland haben in den letzten zwei Jahrzehnten ein halbes Dutzend weitere Gebiete ihre Unabhängigkeit erklärt. Reine Phantasie-Staaten, deren Namen auch klingen wie direkt aus «Herr der Ringe». Eines der Staatsgebilde, dessen Regierung wohl noch ein Weilchen auf einen Sitz in der Uno-Vollversammlung warten muss, heisst Hima& Heeb, ein anderes Galmudug.

Somalia wird also zum Symbol für all das, was in Afrika angeblich oder tatsächlich schief läuft, eine Darstellung, die seit dem düsteren Kriegsfilm “Black Hawk Down” (2002) immer wieder zu Vorschein kommt. Das romantisch-bedrohliche Bild vom Piraten passt hervorragend zum Diorama der exotischen Hölle Somalia. Es wäre besser zumindest zu versuchen, die somalische Realität in seiner Komplexität zu verstehen.

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